Alkoholsucht: "Die Schuldgefühle meiner Tochter gegenüber werde ich vielleicht nie wieder los."

Alkohol ist in Deutschland nach wie vor Volksdroge Nr. 1. Etwa 1,6 Millionen Menschen gelten als abhängig. Viele Jahre gehörte Mirko Richter aus Laußnitz in Sachsen dazu. Heute ist er trocken und hilft anderen Alkoholikern.

Ein Jugendlicher sitzt hinter Flaschen mit Alkohol und trinkt ein alkoholhaltiges Mixgetränk
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Mirko Richter hat seinen Weg in die Alkoholsucht als Teenager begonnen. Den ersten Kontakt gab es zur Jugendweihe, erzählt er uns im MDR JUMP-Interview. Später wurde regelmäßig am Wochenende in der Disko getrunken:

Mirko Richter
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Dann fing ich langsam an, täglich zu trinken, jeden Tag. Das Bier hat mir irgendwann nicht mehr gereicht. Ich hab dann schon nach der Arbeit Schnaps getrunken, später auch währenddessen. Da bin ich heimlich verschwunden und hab mir was geholt und getrunken. Der Kreislauf war Wahnsinn.

Drei große Flaschen Doppelkorn pro Tag, Klosterfrau Melissengeist und am Ende sogar Desinfektionsmittel mit 100 Prozent Alkohol – das war Richters Hochphase. Dann der Absturz: Mit 5,2 Promille landet er auf der Intensivstation.

Das Auto war Schrott, ich hatte meine Arbeit verloren, mein Kind verloren, Gott sei Dank niemanden verletzt. Da war ich ganz unten angekommen und dann hab ich nur noch zwei Möglichkeiten gesehen: Selbstmord oder nochmal professionelle Hilfe holen und mir helfen lassen.

Mädchen im Hintergrund, Schnapsflasche mit Glas im Vordergrund mit Audio
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Mirko Richter unternimmt mehrere Entzugs-Versuche, hat immer wieder Rückfälle.

Ich hab mir immer gesagt: Jetzt schaff ich es. Das war das letzte Mal, ich trinke nicht mehr. Das Problem ist dieses Suchtgedächtnis. Die negativen Dinge, die man erlebt hat, wenn man mal getrunken hat, die werden ganz weit hinten abgelegt. Die schönen Dinge bleiben meistens und dann will man mal wieder einen schönen Rausch haben. Was danach kommt, ist dann völlig egal.

Doch jetzt ist der 51-Jährige seit sechs Jahren trocken und möchte anderen Alkoholkranken helfen.

Wir sind eine Selbsthilfegruppe, die nicht therapeuten-geführt ist. Wir sind unter uns. Und wenn jemand neues zu uns kommt, finden die das fantastisch, mit Leuten zusammen zu sein, die genau dasselbe erlebt haben. Ich werde verstanden, ich werde nicht beschimpft. Und das ist der erste Schritt.

Die Selbsthilfegruppe wird vom Blauen Kreuz organisiert.
Solltest auch du Probleme mit Alkohol haben, gibt es viele Hilfsangebote:

- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Online- und Telefonberatung 0221 892031 Montag bis Donnerstag 10 bis 22 Uhr und Freitag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr

- Telefonberatung der Anonymen Alkoholiker 08731 3257312 täglich von 08:00 – 21:00 Uhr

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Bei der Arbeit | 17. Mai 2022 | 11:45 Uhr

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