Das Landleben wird wiederentdeckt

Statistiker belegen, dass immer mehr Menschen aus der Stadt aufs Land ziehen. Das war schon vor Corona so, aber die Pandemie hat dem Trend noch einmal zusätzliches Tempo gegeben. Was steckt dahinter?

Wiese mit Pilzen vor Schloss Tangerhütte
Das Schloß von Tangerhütte Bildrechte: Sylvia Hensel

Wenn man bei uns durch die Region fährt, dann kommt einem diese - abseits der Zentren wie Dresden, Halle, Erfurt, Magdeburg oder Leipzig - ziemlich ländlich vor. Und so ganz falsch ist dieser Eindruck auch nicht. Und dennoch ist Deutschland eigentlich, und da machen unsere drei Länder keine Ausnahme, ein ziemlich urbanes Land. 77 Prozent der Menschen leben in Städten oder Ballungsgebieten und nur 15 Prozent in Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern. „Wir haben eine urbanisierte Gesellschaft. Das gilt auch für den ländlichen Raum“, sagt die Geographin Ulrike Gerhard von der Universität Heidelberg.

200 Jahre lang sind Menschen vom Dorf in die Metropolen gezogen. Im Jahr 1800 wohnten erst fünf Prozent der Deutschen in Städten. Danach kamen dort mehr als zwei Jahrhunderte Wachstum – doch dieser Trend kehrt sich nun um.

Interessant ist, dass bereits vor der Pandemie immerhin 44 Prozent aller Deutschen angaben, am liebsten auf dem Land leben zu wollen. Gleichzeitig mussten viele Regionen, eben auch bei uns, mit Landflucht kämpfen und schrumpften - beziehungsweise tun das noch heute. Das heißt, dass auf einer Seite Magazine wie „Landlust“ und das von ihnen transportierte Lebensgefühl boomen, auf der anderen Seite aber noch immer ganze Landstriche in der Fläche verödeten – weil die Ärzte in Rente gingen, die Schulen zumachten oder der Weg zum Job eben nach wie vor eine längere Autofahrt nötig machte.

Großstädte schrumpfen

Doch inzwischen ist das Landleben im Aufwind, auch wenn strukturelle Herausforderungen vielerorts weiter bestehen. Das belegen auch Auswertungen des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Demnach verloren in den Jahren 2008 bis 2010 noch mehr als zwei von drei Kleinstädten und Dörfern Bewohner. Je kleiner die Ortschaft, desto ausgeprägter war dabei der Wegzug. Zwischen 2018 bis 2020 – also bereits vor der Pandemie - hatte sich die Entwicklung umgekehrt: Knapp zwei Drittel der Landgemeinden gewannen Bewohner dazu. Dass auch die Städte damals noch wuchsen, lag wohl auch daran, dass Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland ziehen, sich oft dort niederließen. Inzwischen ist es aber sogar so, dass auch die Großstädte absolut gesehen schrumpfen.

Der Trend begann, wie gesagt, schon deutlich vor Corona. Laut Studien waren es schon damals vor allem junge Familien, die sich nach dem Landleben sehnen. Gerade mal 11 Prozent der Familien in Deutschland gaben an, sie wollten in der Großstadt leben. Doch die Pandemie hat den Drang aufs Land noch einmal verstärkt, vor allem die seit dem etablierte Chance, in nicht wenigen Berufen auch von zu Hause arbeiten zu können. Das Homeoffice boomt auch nach dem Ende der entsprechenden gesetzlichen Regelungen. „Offenbar haben sich viele Unternehmen dauerhaft auf flexiblere Modelle eingestellt“, sagt Victor Alipour vom Münchner ifo-Institut. Wer einen Computer und einen schnellen Internet-Anschluss hat, muss nicht zwingend ins Büro pendeln – und wenn das so ist, dann kann man auch da wohnen, wo man es gern mag.

Also zum Beispiel auf dem Land.

Und selbst wenn man gelegentlich in die Firma muss, kann man ja vielleicht trotzdem im Grünen leben. „Drei Tage wöchentlich im Homeoffice zu arbeiten und nur an zwei Tagen zur Arbeitsstätte zu fahren, das können sich viele dauerhaft vorstellen“, sagt Matthias Günther vom Eduard-Pestel-Institut in Hannover. „Unter dem Strich fährt man bei dem Modell immer noch weniger, als wenn man im Speckgürtel wohnt und täglich pendelt.“

Auch abgelegene Regionen können profitieren

Auch abgelegene Regionen profitierten von dem Trend, sagt Forscher Günther: „Jetzt werden Immobilien interessant, die 15 Jahre lang keiner angefasst hat.“ Dazu kommt, dass im Immobilienboom der vergangenen Jahre gerade die Preise in den Städten durch die Decke gegangen waren, auch hier brachte ein Umzug aufs Land teils merkliche Entspannung.

„Gerade durch Corona gab es einen Boom für Wohnraum in den ländlichen Regionen“, sagt Anna-Luise Conrad, Bürgermeisterin im sächsischen Naunhof. „Die Leute wollten einen Garten und stellten durch Corona fest, dass es attraktiv ist, auf dem Land zu leben.“

Andererseits ist es so, dass neu zu bauen auch auf dem Land nicht zuletzt durch die gerade steigenden Zinsen längst nicht mehr für jeden eine Option ist. Und der Ausbau von bestehenden Gebäuden, etwa alten Bauernhöfen, kann – nicht nur bedingt durch den aktuellen Handwerkermangel – auch ziemlich frustrierend sein.

Interessant ist: Schaut man sich bei Meinungsumfragen diejenigen Menschen an, die sich selbst als mindestens zufrieden bezeichnen, gibt es vom Dorf bis zur Metropole etwa gleich viele. Auf dem Dorf ist man also nicht per se glücklicher oder unglücklicher als in der Stadt.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP | MDR JUMP Am Wochenende | 07. August 2022 | 16:40 Uhr

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