Russischer Sender Doshd TV verboten

Freie Medien haben es in Russland extrem schwer – wie schwer, das kann man gerade in einem Dokumentarfilm in der ARD-Mediathek sehen. Er ist bedrückend aktuell.

Störungsbild Fernseher
Bildrechte: IMAGO / Panthermedia

Los geht es mit einem Zitat des Doors-Sängers Jim Morrison: „Wer die Medien kontrolliert, kontrolliert den Verstand.“ Das mag für den einen oder den anderen bei uns hier ein bisschen pathetisch klingen – doch der Dokumentarfilm „F@ck this Job“, den ihr aktuell in der ARD-Mediathek sehen könnt, belegt genau das: Er erzählt nach dem Morrison-Zitat die verrückte und oft traurige Geschichte von Doshd, dem letzten unabhängigen Fernsehsender in Russland. Er hat im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine gerade nach elf Jahren von den Moskauer Behörden ein Sendeverbot bekommen.

Gemacht hat den Film die Fernsehproduzentin Wera Kritschewskaja. Sie gehörte zu den ersten Mitarbeiterinnen als das damalige Partygirl Natascha Sindeewa mit dem Geld ihres Ehemannes Aleksandr „Sascha“ Winokurow ab dem Sommer 2008 an der Ideen eines Fernsehsenders arbeitet: „Nachrichten im Realityshowformat“ sollte es geben, man wollte „alle Beteiligten möglichst authentisch präsentieren“ und „Sprachrohr des neuen Zeitalters“ sein. Gesendet wurden dann ab April 2010 aus einer ehemaligen Schokoladenfabrik.

„Da konnte ich nicht tatenlos bleiben.“

Doshd heißt auf Russisch Regen – wohl weil Chefin Sindeewa gern im Sommerregen barfuß tanzte. Das Motto der Neugründung: Man wollte der „optimistische Sender“ sein. „Anfangs dachte ich ja, wir würden so einen Lifestylesender mit einem kulturellen und intellektuellen Touch betreiben“, erinnert sich Sindeewa im Film. „Nach und nach erfuhr ich voller Entsetzen, wieviel Ungerechtigkeit überall herrscht. Davor ahnte ich nicht einmal, dass es sie gibt. Da konnte ich nicht tatenlos bleiben.“

Die Reporter schauen hin beim Wahlbetrug in Russland, sind dabei als 2014 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew auf die Maidan-Proteste geschossen wird. Dort ist es auch, wo ein Reporter im Kugelhagel den Satz sagt, der zum Titel des Films wird: „F@ck this Job“.

Doch die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen weiter, als, wie sie selbst sagen, „Sekte im Namen der Freiheit“, als „Hipster, aber Schlagartig ergraut“ - obwohl der Staatsapparat ihnen immer wieder das Leben schwer macht:  Cyberattacken, Druck auf Kabelnetzbetreiber, den Sender aus dem Programm zu nehmen, Besuche von der Polizei, Vorladung bei der Staatsanwaltschaft.

Dann kommt der verdeckte Einmarsch der Russen in der Ostukraine. Während Präsident Putin im Staatsfernsehen sagt, es gebe dort keine russischen Soldaten, interviewt Doshd vor Ort  gefangengenommene russische Armeeangehörige und dreht bei Beerdigungen getöteter Soldaten in Russland. Dem Staat gefällt das nicht, der Druck steigt weiter.

Ukrainischer Präsident wandte sich über Doshd an die Russen

„Es ist schwer zu entscheiden, wie man leben soll. Soll man in den Kampf ziehen und als Held fallen oder im hohen Alter an irgendeiner banalen Krankheit versterben?“, fragt Finanzier Winokurow an einer Stelle im Film. Bereits beim Dreh ist er sich sicher: „Der Sender kann in jedem Moment geschlossen werden. Dabei würde man sich vor keinen Zwangsmaßnahmen gegen die Leiter und die Inhaber des Senders scheuen. Im Großen und Ganzen zweifeln wir nicht mehr daran, dass es noch soweit kommen wird.“

Vor wenigen Tagen ist nun genau das passiert. Womöglich liegt es auch daran, dass der ukrainische Präsident Selenskyj sich nach dem Einmarsch russischer Truppen in sein Land Ende Februar auf Doshd direkt an die Russen gewandt hat. Die Reaktion des Kreml: Doshd darf, ebenso wie der liberale Radiosender Echo Moskwy, nicht mehr senden. Offizielle Begründung: Beide hätten „absichtlich falsche Informationen“ verbreitet.

Knackpunkt war wohl auch, dass die Moderatoren bei Doshd die Dinge in Bezug auf den russischen Einmarsch in der Ukraine beim Namen genannt haben: „Das nennt man Krieg.“

Doshd weiterhin online zu sehen

Dabei hatte zuvor die Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor allen russischen Medien die Nutzung der Begriffe „Angriff“, „Invasion“ oder „Kriegserklärung“ untersagt. Auch Hinweise auf von russischen Streitkräften getöteten Zivilisten dürften nicht gesendet werden. Außerdem darf nur auf Angaben offizieller russischer Quellen Bezug genommen werden. Die Regierung in Moskau spricht nur von einer „militärischen Sonderoperation“ zur „Friedenssicherung“. Die Wahrheit ist das nicht.

Wie hätte Jim Morrison es ausgedrückt? Ja, genau: „Wer die Medien kontrolliert, kontrolliert den Verstand.“ Ach ja, eine Sache noch: Das Verbot der Staatsanwaltschaft gilt nur für das russische Staatsgebiet. Wer von Euch noch Russisch kann, der kann sich das Programm von Doshd auf YouTube weiterhin ansehen. 

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Themen des Tages | 04. März 2022 | 19:27 Uhr

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