Mental Load: Warum trifft es meist Frauen und was kann man dagegen tun?

Die To-Do-Liste im Kopf scheint unendlich lang. Und meistens ist es die Mutter, die das Familienmanagement übernimmt – auch in einer modernen Beziehung. Kommt euch bekannt vor? Wir haben ein paar Tipps für euch.

Arbeitende Frau mit Kleinkind im Arm
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Wann ist das nochmal das Chorkonzert der Tochter? Wie viel Schwimmgeld muss der Sohn an welchem Tag in die Schule mitnehmen? Wann hat Tante Karin Geburtstag und was schenkt man ihr? Und wann müssen die Bücher in die Bibliothek zurück? Die To-Do-Liste im Kopf scheint unendlich lang. Ach so, und wann ist nochmal der Termin für die U-Untersuchung? Und wieviel Klopapier ist eigentlich noch da?

Die Psychologin und Autorin Patricia Cammarata beschreibt das vielen von uns wohlbekannte Problem damit, „dass es nicht nur sichtbare To-dos gibt, die sich moderne Paare mittlerweile ganz gut aufteilen, sondern dass im Hintergrund jemand alle Fäden zusammenhält. Jemand, der erinnert, mitdenkt und plant. Und diese Aufgabe hängt zum allergrößten Teil immer noch an den Frauen.“

Zeitaufwand nicht gewürdigt

Das heißt, selbst wenn die Aufgabenverteilung in einer Partnerschaft an der Oberfläche fair und im wahrsten Sinne gleichberechtigt zu sein scheint, ist die das oft in Wirklichkeit gar nicht: Weil die Frau eben noch den einen Gedanken weiterdenkt, weil sie das Gesamtbild im Blick hat – sich für den damit verbundenen Zusatzaufwand aber oft nicht gewürdigt sieht.

Die französische Comiczeichnerin Emma halt das Problem schon vor einigen Jahren sehr schön illustriert. „Um etwas zu verändern, scheint es auf der Hand zu liegen, dass Männer lernen müssen, sich für den Haushalt mitverantwortlich zu fühlen“, sagt eine ihrer Comic-Heldinnen.

Eine Umfrage einer Partnervermittlung unter 4000 Menschen in einer Beziehung hat ergeben, dass sich mehr als jede dritte Frau (35 Prozent) in Deutschland manchmal von den Aufgaben des Alltags überfordert fühlt. Auch deutlich mehr Frauen haben das Gefühl, der Partner sehe nicht, wie viel sie im Alltag so stemmen (36 Prozent, Männer: 24 Prozent).

Nachwirkung alter Rollenbilder

Dass Papa arbeitend das Geld dranbringt und Mama sich liebevoll allein um das Zuhause kümmert – solch eine Aufteilung gibt es schon lange nicht mehr, zumal nicht bei uns im Osten. Und doch geht das Problem mit Sicherheit auch auf Überbleibsel dieses traditionellen Rollenbildes zurück, die in der Gesellschaft eben doch noch nicht ganz überwunden sind. So gab in der Umfrage etwa jeder vierte Mann (26 Prozent) an, dass er klare Anweisungen von seiner Frau benötige, was zu erledigen ist. Das heißt, diese Herren kümmern sich dann weniger ums Familienmanagement. Doch das muss eben auch jemand erledigen – die Frau. 

Das ist insofern bemerkenswert, als dass die Betreffenden in ihrer Arbeitsumgebung durchaus auch eigenverantwortlich Entscheidungen treffen können – und nur zu Hause zum Befehlsempfänger werden, weil das einfach einfacher ist.

„Wenn man sich die Sorgearbeit in der Familie als Eisberg vorstellt, gibt es einerseits den sichtbaren Teil der Aufgaben über der Wasseroberfläche, den sich viele Paare schon ganz gut untereinander aufteilen“, sagt Autorin Cammarata. „Andererseits gibt es den unsichtbaren Teil unter der Wasseroberfläche. Dieser unsichtbare Teil ist die mentale Denkarbeit, die dafür sorgt, dass Sachen überhaupt erledigt werden.“

Ein Kindergeburtstag macht mehr Arbeit als man glaubt 

Als Beispiel zur Illustration wählt sie einen Kindergeburtstag. Und zwar noch nicht mal einen, den man selbst organisiert, sondern einen, den das Kind „nur“ besuchen muss. Die Mutter, so argumentiert die Autorin, würde durch Kontrolle des Schulranzens überhaupt erst von der Einladung erfahren, dann im Kalender die Verfügbarkeit des Kindes checken und eventuelle Umplanungen vornehmen, die Frage der Abholung klären, eine Vollmacht ausstellen und in den Ranzen packen und sich schließlich über das Geschenk und dessen Verpackung Gedanken machen.

Wenn der Vater dieses Geschenk dann anschließend kaufe, gehe er davon aus, sich um die Angelegenheit gekümmert zu haben – weil er die anderen Aufgaben gar nicht als solche wahrnimmt. Das könne zu Streit führen.

„Wenn Paare erkennen, dass es ein Aufteilungsproblem gibt und sie etwas ändern wollen, ist ein großer Schritt getan”, sagt die Autorin Laura Fröhlich.

Jedes Paar teilt seine Aufgaben anders auf, bei eigentlich allen gehören Aushandlungsprozesse dazu. Weil es so viele unterschiedliche Lebenssituationen gibt, existiert auch keine Patentlösung, die für alle sinnvoll ist. „Die Mental Load kann auch in Männerhand liegen, aber in der Regel sind Frauen betroffen. Die Ursache dafür ist die Sozialisation. Frauen werden darauf geprägt, für die Familie verantwortlich zu sein. Und das unabhängig von der Erwerbstätigkeit der Mütter, der viele ja schließlich nachgehen“, sagt Cammarata.

Ein 300-prozentiges Wrack 

„Da Frauen nun mal keine Übermenschen sind, kann ich nicht zu 100 Prozent Berufsfrau, zu 100 Prozent Mutter und Hausfrau und zu 100 Prozent Partnerin sein. Das ist nie und nimmer zu schaffen. Denn dann bin ich innerhalb kürzester Zeit ein 300-prozentiges Wrack“, hat die SPD-Politikerin Renate Schmidt einmal formuliert - und Frauen so zu mehr Mut aufgefordert.  

Dazu gehöre es, sich beruflich stärker zu engagieren und privat den Partner mehr in die Pflicht zu nehmen, so Schmidt, die von 2002 bis 2005 auch Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend war: „Viele scheuen diese Anstrengungen, sie wollen keine Karriere machen, weil es bequemer ist, Herrin im eigenen Heim zu sein. Doch ich bin überzeugt davon, dass nicht so viele Ehen geschieden werden, wenn mehr Frauen arbeiten würden. Denn man kann nicht jeden Tag nur von den geputzten Fenstern erzählen und von dem, was die Kinder heute gemacht haben – das ist auf Dauer zu wenig für eine gute Partnerschaft.“ 

Für Paare gibt es auch konkrete Tipps, wie sich das Problem mit dem familiären Projektmanagement zumindest in Ansätzen lösen lassen könnte: Dazu gehört zum Beispiel, einmal in der Woche einen festen Tag zu vereinbaren, an dem die Aufgaben der kommenden Woche besprochen und verteilt werden. Das kann zum Beispiel der Sonntag sein. Selbst wenn es keine Gleichverteilung bei der Erledigung der Aufgaben gibt, werden die Herausforderungen so besser sichtbar.

Außerdem sollte man einmal im Monat auf den Vormonat zurückschauen, wo etwas wie geplant geklappt hat und wo nicht. Für manche Paare könnten auch Stundenkonten ein Weg sein, um den Aufwand zu dokumentieren. „Alle Arbeiten haben den gleichen Wert. Das heißt, acht Stunden im Büro sind genauso wichtig wie die acht Stunden mit Baby zu Hause“, sagt die Autorin Fröhlich.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Am Wochenende | 28. Mai 2022 | 16:40 Uhr

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