Low Carb: Wie sinnvoll ist der Verzicht auf Kohlenhydrate?

Eiweiß- und fetthaltige Lebensmittel sind gut, solche mit Kohlenhydraten dagegen schlecht – das ist, etwas vereinfacht gesagt, das Prinzip verschiedenster Low-Carb-Diäten. Ist da was dran? Das Urteil der Fachleute fällt ziemlich klar aus.

Ansicht von oben: Teller auf hellem Holzuntergrund mit querliegender Gabel und sechs einzelnen Erbsen
Bildrechte: IMAGO / Panthermedia

Der US-Kardiologe Robert Atkins war selbst fettleibig und suchte nach einem Weg, um abzunehmen. Im Ergebnis veröffentlichte er im Jahr 1972 sein Buch „Diät-Revolution“. Darin stellte er einen seiner Meinung nach guten Plan vor: eiweiß- und fetthaltige Lebensmittel sind gut, solche mit Kohlenhydraten dagegen schlecht. Das betrifft also zum Beispiel Brot, Reis, Kartoffeln und Nudeln. Atkins selbst half das nicht, bei seinem Tod im Jahr 2003 wog er 117 Kilo bei einer Körpergröße von 182 Zentimetern. Er war also deutlich übergewichtig.

Doch als Low-Carb-Diät sind seine Ideen bis heute mal mehr mal weniger im Trend, wobei es verschiedene Varianten kohlehydratarmer Abnehmstrategien gibt. Gly, Keto und Palä-Diäten gehören dazu. „Wenn der Körper viele Kohlenhydrate bekommt, verwandelt er den Überschuss in Fett, um ihn speichern zu können. Hier setzt Low Carb an“, heißt es etwa bei der Barmer Krankenkasse.  Bei dieser Diät bekomme der Körper nicht genug Kohlenhydrate, um seine Energieversorgung zu sichern. Also bediene er sich an den Fettreserven, was die Pfunde purzeln lässt.

„Prinzipiell kann man sogar ganz ohne Kohlenhydrate leben, weil sie nicht essenziell sind“, sagt Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam. Das Problem: „Das ist nicht gesund.“ Denn der menschliche Körper sei an Ballaststoffe und Vitamine aus Produkten wie Getreide gewöhnt. „Langfristig kann Low Carb mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein“, warnt auch die AOK. Die Ernährungspläne seien zu einseitig. So erhöhe der hohe Anteil an tierischen Proteinen und Fett unter anderem das Risiko für Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sowie für Krebs.

Studie mit klarem Fazit

Eine Übersichtsstudie des internationalen Forschungs-Netzwerks Cochrane, bei der Forschende die Daten von 61 Einzelpublikationen miteinander verglichen, kam im Januar zum folgendem Schluss: Es bringt wenig bis gar nichts, Kohlehydrate aus der Ernährung zu streichen.  Untersucht wurden Gewichtsverlust, aber auch Veränderungen der Risiken für Herzkrankheiten wie Bluthochdruck, Blutzuckerspiegel oder Cholesterinwerte.

„Menschen, die sich bis zu zwei Jahre lang einer kohlenhydratarmen Diät unterzogen, verloren ähnlich viel Gewicht wie diejenigen, die sich einer ausgewogenen, kohlenhydratreichen Diät unterzogen“, so die beteiligte Forscherin Celeste Naude von der Stellenbosch University in Südafrika.

Stefan Lorkowski vom Institut für Ernährungswissenschaften in Jena sagt, es sei naiv zu glauben, dass allein eine Änderung des Verhältnisses von Kohlenhydraten und Fetten in der Ernährung für den Gewichtsverlust ausreiche. Es komme auf die ernährungsphysiologische Qualität der Nahrungsmittel an – und, noch wichtiger, auf die Energiebilanz. Man sollte also nur so viele Kalorien zu sich nehmen, wie man auch verbrennen kann.

Strategie am Individuum ausrichten

Wobei Kohlehydrat nicht gleich Kohlehydrat ist.  „Wenn es geht, setzt man vor allem auf langsam resorbierbare Kohlenhydrate“, sagt Ernährungsexperte Pfeiffer. Das heißt, die Stoffe werden nicht so schnell vom Körper aufgenommen – und man bekommt nicht gleich wieder Hunger. Vollkornbrot ist also gut, ebenso Bohnen, Erbsen und andere Hülsenfrüchte.

Aber eben auch wieder nicht für jeden: Menschen mit hohem Blutdruck, einer Fettstoffwechselstörung oder Diabetes sollten auf diese Kohlenhydrat-Lieferanten verzichten, so Experten.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft sagt für Diabetes-Betroffene: „Die Abnehmstrategie sollte sich an individuellen Vorlieben ausrichten. Strenge Vorgaben für die Mengenaufnahmen von Fett, Kohlenhydraten und Eiweiß sind überholt.“

Ohnehin, eine Studie eines Teams um Christopher Gardner von der Stanford University School of Medicine hat bewiesen, was viele von uns schon ahnten: Die perfekte Diät, die für jede und jeden gleichermaßen zu empfehlen ist, gibt es im Prinzip nicht.

Erklärung für scheinbaren Erfolg

„Wir alle kennen die Geschichten von Freunden, die eine Diät gemacht haben, die wunderbar funktioniert hat, und dann hat ein anderer Freund dieselbe Diät ausprobiert, und es hat überhaupt nicht funktioniert", so Forscher Gardner. „Das liegt daran, dass wir alle sehr unterschiedlich sind, und wir beginnen gerade erst, die Gründe für diese Vielfalt zu verstehen. Vielleicht sollten wir nicht fragen, was die beste Ernährung ist, sondern was die beste Ernährung für wen ist.“

Dass Low-Carb-Diäten kurzfristig oft von Erfolg gekrönt sind, hat nach Ansicht von Experten einen simplen Grund: Für die Dauer der Diät setzen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer intensiv mit der eigenen Ernährung auseinander. Und das lohnt sich – auch weil man dann bewusst weniger und meist auch Gesünderes zu sich nimmt.

Die Gleichung „Kohlehydrat = böse“ geht in jedem Fall aber nicht auf, dass muss 50 Jahre nach Atkins klar sein. „Es gibt auch Menschen, die mit 70 Prozent Kohlenhydraten sehr gesund leben“, sagt Stefan Kabisch vom DIfE. Er verweist dabei zum Beispiel auf die Bevölkerung der japanischen Insel von Okinawa. Dort leben weltweit die meisten über 100-Jährigen. Auch bei manchen Urvölkern gebe es dieses Phänomen. Allerdings handelt es sich dabei um Menschen, die sich sehr viel bewegen und deshalb die Energie aus den Kohlehydraten schnell wieder verbrennen.  

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 09. Juli 2022 | 10:52 Uhr

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