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Kind beruhigen leicht gemacht

Stand: 17. September 2022, 00:00 Uhr

Jedes Baby ist anders – aber irgendwann schreien sie alle mal. Und dann liegen früher oder später die Nerven bei den Eltern blank. Forschende aus Japan wollen jetzt ein wissenschaftliches Rezept entwickelt haben, wie das Kind zur Ruhe findet.

Es ist eine Urgewalt, die niemanden kaltlässt. Ein schreiendes Baby ist nicht leicht zu ertragen. Was also tun, um den hörbar unglücklichen Nachwuchs zu beruhigen? Man kann zunächst die Checkliste abarbeiten: Ist die Windel voll? Hat das Kleine Hunger? Ist ihm zu kalt oder - öfter – zu heiß? Wenn diese Fragen geklärt sind, aber das Kind noch immer nicht entspannt, kann man sich weiteren Fragen widmen: Was ist mit Bauchweh? Oder mit Reizüberflutung?

Junge Eltern müssen zunächst lernen, Babygeschrei sozusagen zu entschlüsseln. Das klappt natürlich nur bis zu einem gewissen Grad. Aber wenn die Kleinen partout nicht schlafen wollen, legen sich Mütter und Väter dann so ihre eigenen Tricks zurecht. Mal hilft der Schnuller, mal eine Fahrt mit dem Kinderwagen – oder in der Babyschale im Auto. Ein Team um die japanische Verhaltensforscherin Kumi Kuroda vom Riken-Institut für Hirnforschung in der Nähe von Tokio hat nun eine neue Strategie wissenschaftlich untersucht und vorgestellt: Demnach sind Fünf-Minuten-Spaziergänge die perfekte Beruhigungsstrategie für weinende Babys.

Laut einer in der Zeitschrift „Current Biology“ veröffentlichten Studie beruhigten sich Babys innerhalb kürzester Zeit, sobald sie auf dem Arm getragen wurden. Einen ähnlichen Effekt beobachteten die Wissenschaftler, wenn die Säuglinge geschaukelt - aber nicht, wenn sie bewegungslos gehalten wurden.

Herzfrequenz sinkt innerhalb einer halben Minute

Die Forschenden stützten sich bei auf Beobachtungen bei 21 Müttern und ihren Babys in Japan und Italien. Sie untersuchten die Herzfrequenz der Kinder unter verschiedenen Bedingungen. Mal liefen die Frauen mit ihren Babys, mal hielten sie bewegungslos auf dem Schoß, dann wieder legten sie ins Bett oder in eine Wiege. Das Ergebnis war eindeutig: Bei Bewegung sank schon innerhalb von 30 Sekunden die Herzfrequenz, die Babys kamen zur Ruhe. Demnach reicht das mütterliche Halten allein nicht aus, um ein Kind zu beruhigen.

Das Team hatte außerdem die sogenannte Transportreaktion bei Säugetieren untersucht, deren Junge nicht in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen, darunter Mäuse, Hunde, Affen und Menschen. Wenn diese Tiere ihre Jungen hochheben und loslaufen, beruhigen sie sich und ihr Herzschlag verlangsamt sich.

Schon fünf Minuten Tragen reichten auch bei den Menschenbabys schon aus, um 46 Prozent von ihnen zum Einschlafen zu bringen. Weitere 18 Prozent der Babys schliefen eine Minute später ein. Für die Forschenden ist das nicht nur ein Hinweis auf die beruhigende, sondern auch auf die schlaffördernde Wirkung des Tragens.

Das Problem des Hinlegens

„Ich habe vier Kinder großgezogen“, sagte die Forscherin Kuroda. Aber selbst sie habe bis zur Analyse der Daten die wichtigsten Ergebnisse dieser Studie „nicht vorhersehen“ können. Aber es gab auch einen Haken: Sobald die Mütter ihre Babys hinlegten, wurde mehr als ein Drittel der Kleinen innerhalb von 20 Sekunden wach. Auch das ist ein Problem, das viele Eltern kennen. Dafür präsentiert das Team ebenfalls eine Lösung: Nach dem fünfminütigen Herumtragen sollten sich die Eltern demnach noch einmal fünf bis acht Minuten mit dem Kind hinsetzen - und es erst dann hinlegen. Das senke die Chance des Aufwachens ganz eindeutig.

Das habt alles habt ihr schon immer so gemacht, rein intuitiv? Statistisch gesehen schreit ein Neugeborenes wohl zwei Stunden am Tag und ihr wisst, wie man diese Zeitspanne nicht unnötig länger werden lässt – toll! Jetzt habt ihr die wissenschaftliche Bestätigung, dass ihr auf die richtige Strategie setzt. Das ist doch auch mal was! „Wir brauchen Wissenschaft, um das Verhalten eines Babys zu verstehen, weil es viel komplexer und vielfältiger ist, als wir glauben“, sagt Forscherin Kuroda.

Brüllen als einzige Ausdrucksform

Das Baby einfach schreien zu lassen, wie man das früher womöglich noch geraten hat, dieser Ratschlag gilt inzwischen als überholt. Und was Eltern bei einem schreienden Baby erst recht nicht tun sollten, ist zurückzuschreien – auch wenn man sich vielleicht gar nicht so selten danach fühlt.

Fängt ein Kind an zu brüllen, signalisiert es uns, dass es uns braucht. Schreien wir einfach zurück, ignorieren wir seine Bedürfnisse und verlieren sein Vertrauen. Es bekommt Angst, wird schreckhaft und bekommt häufig Schluck- oder Verdauungsbeschwerden“, sagt die Erziehungsberaterin Martina Leibovici-Mühlberger. Babys könnten ja nun einmal nicht sprechen, deshalb sei das Brüllen eben der einzige Weg, den Eltern ihre Bedürfnisse mitzuteilen.

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