Was taugen sogenannte „Wunder“-Gummibärchen?

Dichtes, volles Haar, schöne Haut und feste Nägel… durch Gummibärchen? Ja, damit werben viele Firmen, auch Beauty-Blogger und Influencer machen damit Reklame. Bringen die Produkte aber auch wirklich etwas?

Zwei Hände mit bunten Gummibärchen
Bildrechte: IMAGO / Kirchner-Media / David Inderlied

Wenn irgendetwas scheinbar zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist zumindest Vorsicht angesagt. Zum Beispiel, wenn Süßigkeiten beworben werden, die angeblich gut für unseren Körper sein sollen. Seit einiger Zeit gibt es aber genau so etwas – konkret Gummibärchen, die bei Verzehr schönere Haare, festere Nägel und ein weicheres Hautbild versprechen. Stars wie Kylie Jenner oder Kim Kardashian schwören angeblich drauf.

Funktionelle Lebensmittel – oder englisch functional food – werden solche Nahrungsmittel genannt, die mit zusätzlichen Inhaltstoffen angereichert sind. In diese Gruppe gehören zum Beispiel Joghurts, die dank Probiotika unsere Darmflora verbessern sollen oder Margarine, die durch den Zusatz von Omega-3-Fettsäuren Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen versprechen. Und seit einiger Zeit gibt es eben auch Gummibärchen, bei denen unter anderem Biotin – auch bekannt als Vitamin B7 – hinzugefügt wird.

Unser Körper braucht Biotin, um Keratin zu bilden – das ist der Hauptbestandteil von Haaren. Es ist an vielen Stoffwechselprozessen beteiligt, unter anderem aktiviert Biotin den Stoffwechsel und fördert die Neubildung von Haarwurzeln und des Nagelbettes.

Werbung erlaubt

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat im Zusammenhang mit dem Stoff zwei gesundheitsbezogene Werbeaussagen als bewiesen bewertet: „Biotin trägt zur Erhaltung normaler Haut bei“ und „Biotin trägt zur Erhaltung normaler Haare bei“. Mit diesen Versprechen dürfen Hersteller also werben – und das tun sie auch. „Dass gesundheitsbezogene Aussagen zu Biotin erlaubt sind, bedeutet jedoch nicht, dass Biotin-Präparate eine sinnvolle Ergänzung des Speiseplans wären“, heißt es bei der Verbraucherzentrale.

Biotin ist als Haar-Vitamin zweifelsohne populär geworden“, sagt auch die Diplom-Ernährungswissenschaftlerin Julia Zichner aus Radeburg.  Um einen eventuellen Mangel auszugleichen, sei aber keine „Megadosis“ nötig. Viel helfe auch hier nicht viel. Und vor allem: „Dass dank extremer Überdosierungen an Biotin die Haare extrem gut aussehen und wachsen, bleibt eine Prophezeiung. Denn ein Wirkungsnachweis fehlt.“

Die Spezial-Gummibärchen gibt’s oft online zu kaufen und sie sind auch nicht gerade billig. Dazu kommt, dass die Hersteller im Normalfall erklären, dass sich Ergebnisse erst nach wochen- oder monatelangem Konsum einstellen. Das heißt, ihr gebt über einige Zeit einiges an Geld aus – und nehmt dafür schön regelmäßig Zucker zu euch. Wenn man stattdessen den eigenen Körper auf natürlichem Wege gezielt mit Biotin versorgen will, geht das mit Milch, Haferflocken, Nüssen, Hülsenfrüchten und gekochten Eiern.

Keine negativen Folgen bei Überdosierung bekannt

Doch eigentlich, sagen Expertinnen und Experten, bekommen wir über unsere Nahrung genug von der Verbindung. Biotin kommt sowohl an Proteine gebunden - in tierischen Produkten - als auch in freier Form – in pflanzlichen Lebensmitteln - vor.

Wer trotzdem die Gummibärchen kaufen mag, kriegt hier eine gute Nachricht: Bisher sind zumindest keine negativen gesundheitlichen Folgen einer erhöhten Biotin-Zufuhr bekannt. Eine festgelegte Obergrenze für die Einnahme gibt es nicht.

Wichtig ist allerdings: Die Einnahme von Biotin verfälscht Labortests, wenn ihr beim Arzt seid. Betroffen sind insbesondere Untersuchungen der Schilddrüsenhormone, der Sexualhormone und Herz-Kreislauf-Marker wie Troponin. Das heißt, wenn ihr entsprechende Produkte konsumiert, solltet ihr das auf jeden Fall bei der Blutabnahme sagen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 10. September 2022 | 14:40 Uhr

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