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Wann ist der Impfschutz ausreichend?

Stand: 06. Dezember 2020, 11:52 Uhr

Bald sollen auch bei uns in der Region die Corona-Impfungen starten. Doch selbst im Idealfall wird es Monate dauern, bis genügend Menschen gegen den Erreger immun sind, um die Pandemie zum Stillstand zu bringen.

Die Erwartungen sind hoch. Großbritannien hat gerade den ersten Impfstoff gegen Covid-19 zugelassen. Für uns ist das noch nicht entscheidend, da kommt es auf die Einschätzung der Europäischen Arzneibehörde EMA an. Doch die dürfte vermutlich so um Weihnachten fallen und – wenn es keine großen unangenehmen Überraschungen gibt – vermutlich ebenfalls positiv ausfallen.

Weil die Hersteller bereits mit der Produktion begonnen haben, können erste Lieferungen mit Impfdosen schon unmittelbar nach der Zulassung ausgeliefert werden. Die Impfungen starten dann. In Deutschland kümmert sich der Bund um die Bereitstellung des Impfstoffs und seine Lieferung in 60 Verteilzentren. Dann übernehmen die Länder den weiteren Ablauf. Sie richten gerade Impfzentren ein, in Hausarztpraxen wird zunächst noch nicht geimpft werden können.

Keine Impfpflicht

Eine allgemeine Impfpflicht wird es nicht geben. Aber zumindest wer sich impfen lassen will, dürfte sich folgende Fragen stellen: Wie schnell können eigentlich wie viele Menschen geimpft werden? Und wann können wir dadurch wieder zu einem einigermaßen normalen Leben zurückkehren?

Nun, damit die Pandemie zum Stillstand kommt, müssen nicht alle Menschen geimpft sein. Es reicht, wenn der Anteil genügend groß ist, dass der Erreger jeweils keine neuen Ziele mehr findet. Das ist die sogenannte Herdenimmunität. Nur welcher Anteil ist nun genügend groß? Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) geht davon aus, dass etwa zwei Drittel der Bevölkerung immun sein müssen. Das funktioniert über die Antikörper nach überstandener Erkrankung – oder eben durch die Impfung.

Deutschland hat 83 Millionen Einwohner, zwei Drittel davon wären etwa 55 Millionen Menschen. Rund eine Million können wir abziehen, weil sie die Erkrankung überstanden haben und über Antikörper verfügen sollten. Bleiben also etwa 54 Millionen zu impfende Menschen auf dem Weg zur Herdenimmunität. Wobei nach aktuellem Stand jeder zwei Impfdosen bekommen müsste, um geschützt zu sein.

Was können die Impfstoffe eigentlich leisten?

Dieses mit dem Elektronenmikroskop gemachte und nachträglich eingefärbte Bild zeigt den Erreger SARS-CoV-2 (gelb eingefärbt). Das Foto hat das National Institute of Allergy and Infectious Diseases der USA bereits im Januar veröffentlicht. Bildrechte: imago images / ZUMA Wire / NIAID-RML

Allerdings ist bisher ist noch gar nicht klar, ob die aktuell im Zulassungsprozess am weitesten Fortgeschrittenen Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna die Übertragung des Virus auch verhindern oder „nur“ den Geimpften vor einer Erkrankung schützen. Weit besser für uns alle wäre der erste Fall. Er ist auch Grundlage der Argumentation in diesem Text.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass es eine Durchimpfungsrate von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung braucht. Einen ganz genauen Wert gibt es hier aber nicht. Zumal Experten auch sagen: Es kommt nicht nur auf den Durchschnitt der gesamten Gesellschaft an. Wenn es zum Beispiel gelänge, dass sich besonders viele aus den jüngeren Altersgruppen impfen lassen, die mobil sind und über viele Sozialkontakte verfügen, dann wäre das besonders hilfreich – und der Erreger wäre vielleicht schon bei geringeren Impfquoten bezogen auf die Gesamtbevölkerung gestoppt.

Modellrechnungen zeigen, wie lange es dauern wird

Die Sache mit der Herdenimmunität hat noch eine wichtige Dimension: Experten schlagen ja vor, dass zuerst Angehörige von Risikogruppen geimpft werden, vor allem alte Menschen. Dazu sollen dann Beschäftigte in Gesundheitswesen und Pflege kommen. Das ist sehr sinnvoll, weil so am schnellsten die Zahl schwerer Verläufe und Todesfälle verhindert werden kann. Außerdem wird das Gesundheitssystem entlastet. Für die Herdenimmunität bringt das aber noch nicht so viel, sondern erst die folgende Impfphase, in der „ganz normale“ Leute geimpft werden – weil die zum Beispiel über das Arbeitsleben mit viel mehr Menschen in Kontakt stehen als Senioren in Betreuungseinrichtungen.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat eine Modellrechnung gemacht. Demnach braucht es so in etwa bis Ende kommenden Jahres, bis wir in Deutschland eine vor allem durch die Impfung erreichte Herdenimmunität haben. Deutliche Lockerungen der Corona-Regeln seien aber schon vorher möglich.

Die Zeitung schaut sich für ihre Rechnung Baden-Württemberg an, weil die Planungen für die Organisation der Impfungen dort schon detailliert vorliegen. Die Aussagen seien aber für andere Bundesländer vergleichbar. In Baden-Württemberg sollen also bis Mitte Dezember zunächst acht bis zwölf zentrale Impfzentren entstehen. Diese könnten je 1500 Impfungen pro Tag verabreichen. Dazu kämen ab Mitte Januar ein Impfzentrum für jeden der 44 Kreise des Landes. Dort rechne man mit einer Kapazität von je 750 Impfdosen pro Tag. Damit wären im gesamten Bundesland etwa 1,3 Millionen Impfungen je Monat möglich. Theoretisch jedenfalls. Das hängt unter anderem am verfügbaren Personal.

Auch in unserer Region werden die Impfzentren eingerichtet

Zu den stationären Impfzentren soll es noch mobile Teams geben, die unter anderem in Senioreneinrichtungen für Schutz sorgen sollen. Thüringen plant insgesamt 29 Impfstellen und zehn mobile Teams. Die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen geht davon aus, dass pro Woche etwa 29.000 Menschen im Land geimpft werden können. In Sachsen und Sachsen-Anhalt sind mindestens ein Zentrum pro Kreis geplant, also 13 in Sachsen beziehungsweise 14 in Sachsen-Anhalt. Dazu kommen mobile Teams. Die können übrigens laut Schätzungen etwa zwölf Patienten pro Stunde behandeln. Das wären dann 480 Impfungen pro Team und Woche.

Laut der Rechnung der „Süddeutschen Zeitung“ würde es von Mitte Januar an etwa elfeinhalb Monate dauern, bis Baden-Württemberg so die Schwelle zur Herdenimmunität erreicht hätte, wobei der Termin wegen zahlreicher Unwägbarkeiten auch mehrere Monate früher oder später sein könnte.

Für das Land Hessen hat das ZDF in einer Modellrechnung herausbekommen, dass im August eine Herdenimmunität erreicht sein könnte. Dabei wird angenommen, dass in etwa 30 Impfzentren jeden Tag je 1000 Menschen geimpft werden können, an sieben Tagen pro Woche. Nur unwesentlich früher könne die Herdenimmunität der Rechnung zufolge in Berlin erreicht sein, wo in sechs Impfzentren pro Tag 20.400 Menschen geimpft werden könnten.

Wenn alles gut geht. Wenn, wie gesagt, das Personal zur Verfügung steht. Wenn der Impfstoff jeweils in der nötigen Menge vor Ort ist. Wenn sich genügend Menschen auch tatsächlich impfen lassen wollen.  Und so weiter. Also: Auch wenn also schon bald geimpft werden kann, wird es noch sehr lange dauern, bis wir als Gesellschaft gut vor dem Erreger Sars-CoV-2 geschützt sind. Aber irgendwann muss es ja mal losgehen.

Dieses Thema im ProgrammMDR JUMP Nachrichten | 04. Dezember 2020 | 09:00 Uhr