Bauen - Wer kann sich das noch leisten?

In allen Lebenslagen werden im Moment Güter teurer. In der Baubranche ist der Trend aber bereits seit Beginn der Pandemie erkennbar - und er reißt nicht ab. Zusätzlich belasten nun auch gestiegene Kreditzinsen die Bauwilligen.

Mitarbeiter der Schwoerer Haus KG bauen am 28.05.2018 in Ravensburg-Oberzell (Baden-Wuerttemberg) ein Fertighaus auf. Foto: Daniel Maurer
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Wie unangenehm teuer das Leben geworden ist, spürt jeder von uns an der Kasse vom Supermarkt, an der Tankstelle oder jetzt gerade im Urlaub – von der nächsten Strom- oder Gasrechnung ganz zu schweigen. Und doch gibt es eine Gruppe, die von den aktuellen Preisanstiegen besonders stark betroffen ist: Es geht um alle die unter uns, die gerade ein Haus bauen oder renovieren. Laut Statistischem Bundesamt lagen im Mai die Preise für Bauleistungen einschließlich Mehrwertsteuer 17,6 Prozent höher als vor einem Jahr, das war der höchste Anstieg seit 1970 im Westen. Besonders stark war der Preisanstieg bei Metallbau- (23,6 Prozent) und Betonarbeiten (23 Prozent). Unterdurchschnittliche, aber dennoch beachtliche Anstiege gab es bei Erd- (14,8 Prozent) und Mauerarbeiten (12,8 Prozent)

„Die Baupreissteigerung ist ein Ergebnis explodierender Baumaterialpreise, auf denen die Unternehmen entweder sitzen bleiben, oder sich das Risiko erhöht, dass Investoren vor neuen Projekten zurückschrecken“, warnt Tim Oliver Müller vom Hauptverband der Deutschen Bauindustrie. Die Baufirmen wollen damit dem Eindruck entgegentreten, sie würden sich gerade eine goldene Nase verdienen.

Vorhaben werden gestoppt

Im Ergebnis bleibt aber: Viele Bauwillige auch bei uns in der Region stoppen ihre geplanten Vorhaben. So berichtet die IHK Erfurt, dass bei ihren Unternehmen Rückgänge vor allem im privaten Sektor deutlich spürbar geworden sind. Die Gemengelage aus vielen Faktoren mache es den potenziellen Bauherren zunehmend schwer, sich den Traum von den eigenen vier Wänden zu erfüllen: Massiv gestiegene Materialpreise und fehlende Kapazitäten bei Baufirmen, die unter anderem aus dem Fachkräftemangel resultieren, gehören zu den Gründen.

Wir beobachten erhebliche Bauverzögerungen“, sagt Florian Becker, Geschäftsführer des Bauherren-Schutzbundes in Berlin. „Drei bis vier Monate sind beinahe schon die Regel, aber auch sechs bis zwölf Monate sind nicht außergewöhnlich.“ Das ist ein finanzielles Problem, aber auch ein organisatorisches, etwa wenn die alte Wohnung schon gekündigt ist oder man die Kinder schon am neuen Wohnort in der Schule angemeldet hat.

Zinsen steigen rasant

Wichtig sind aber auch die zuletzt gestiegenen Zinsen. Zu Weihnachten, so rechnet die FMH Finanzberatung Frankfurt vor, lagen die durchschnittlichen Zinsen für einen Hypothekenkredit von zehn Jahren mit fester Zinsbindung noch bei 0,9 Prozent. Zu Jahresbeginn seien es dann 1,0 Prozent gewesen – und Anfang Mai sei man im Schnitt inzwischen etwa bei 2,6 Prozent angekommen. Ein solcher Anstieg bedeute bei einem Immobilienkredit über 300.000 Euro und einer anfänglichen Tilgung von drei Prozent, dass die monatliche Rate von 1.000 Euro auf 1.400 Euro gestiegen ist, heißt es beim Kreditvermittler Interhyp. Pro Jahr seien das zusätzliche Zinskosten von 4.800 Euro. Das wären in zehn Jahren 48.000 Euro.

Außerdem sieht es so aus, als dürften die Zinsen auch im weiteren Verlauf des Jahres noch zulegen. „Unter anderem wegen der hohen Inflation spricht einiges dafür, dass die Zinsen weiter steigen werden“, bestätigt Thomas Hentschel, Referent für Finanzen bei der Verbraucherzentrale NRW. Ein Sprecher der Kreissparkasse Eichsfeld sagte, das Neukundengeschäft sei tot. Von den bisherigen Anfragen für Immobilienkredite seien fast 70 Prozent abgesprungen.

Im Prinzip verstärkt sich da gerade eine Entwicklung, die bereits vor dem russischen Angriff auf die Ukraine begonnen hatte, sich im Umfeld der aktuellen wirtschaftlichen Unsicherheit aber massiv verstärkt. Problematisch ist das für mindestens zwei Gruppen von Häuslebauern: diejenigen, die gerade anfangen wollten und sich das jetzt nicht mehr leisten können und diejenigen, die bereits gebaut haben und bei denen in einigen Jahren die Zinsbindung für die einst so billigen Immobilienkredite abläuft. Sie laufen Gefahr, sich dann viel höhere Kreditraten nicht mehr leisten zu können. „Im schlimmsten Fall werden wir mit einer steigenden Zahl an Zwangsversteigerungen rechnen müssen“, warnt Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Genau rechnen

Wer aktuell die Finanzierung einer Immobilie plant, sollte genau rechnen", rät der Verbraucherschützer Hentschel. Die monatliche Belastung für Zins und Tilgung sollten nicht mehr als 30 bis 35 Prozent des verfügbaren Nettoeinkommens betragen. „Denn es kommen noch mindestens zehn bis 15 Prozent an Kosten für den Unterhalt der Immobilie wie Strom, Heizung, Wasser, Steuern oder Gebühren hinzu." Und diese Preise steigen ja auch.

Bundesweit berichten 10,4 Prozent von 900 durch das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut ifo befragten Baufirmen, dass sie bereits von Stornierungen von Bauprojekten betroffen sind. Besonders viele Stornierungen gebe es derzeit im Bereich des Wohnungsneubaus, heißt es. Die Antwort auf die Frage „Bauen - Wer kann sich das noch leisten?“ lautet also: Leider längst nicht mehr jeder, der das bis vor kurzem noch vorhatte. „Immobilien sind sicher nicht nur etwas für Reiche und Superreiche. Aber man muss heute schon verdammt gut verdienen oder gut situiert sein, um sich nicht zu verheben“, erklärt Carsten Zimmermann, Vorstandsvorsitzender des Bundesverband Baufinanzierung.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP | MDR JUMP Am Wochenende | 06. August 2022 | 13:20 Uhr

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